Landliebe ist…

Es ist ein Langstreckenlauf, zu dem die Bergstädter 2005 mit dem Projekt Landliebe gestartet sind. Die erste Etappe über rund zehn Jahre war geprägt von schnellen Sprints und hoher Schlagzahl, wie zahlreiche Berichte aus dieser Zeit zeigen. Große Ziele sind inzwischen erreicht und markieren den Beginn der zweiten Etappe: geringere Schlagzahl, den langen Atem gut einteilen, Konzentration auf die wesentlichen Punkte. Dazu gehören das Förderprogramm “Dorfentwicklung” mit Rathaus-Sanierung, Schule und Kindergarten, Freibad und Wasserkunst. Doch was ist “Landliebe” eigentlich? 

Das Phänomen gibt es in Landau schon lange – ungewöhnlich zahlreich sind die Beispiele für ehrenamtliches oder nachbarschaftliches Engagement. Neu am Projekt Landliebe war der Blick in die Zukunft: Wie wird sich der Ort verändern angesichts allgemeiner Entwicklungen wie demographischer Wandel und Klimakrise: weniger Kinder, mehr Senioren, weniger Infrastruktur, mehr leerstehende Häuser, steigende Umweltbelastung… “Wie können und müssen wir reagieren, um die Vielfalt des Ortes zu erhalten und seine Zukunft zu gestalten?”, ist die zentrale Frage, verknüpft mit Überlegungen, welchen Beitrag die Bergstädter selbst dazu leisten können, aber auch, wer ihnen helfen kann – und auf welche Weise.

Collage Projekt Landliebe

Den drängenden Fragen der Zukunft stellten sich 2005 „Landögger”, Zugezogene und Experten, als sie das Projekt Landliebe ins Leben riefen. Dabei waren der Ortsbeirat, das Bauamt der Stadt Bad Arolsen und das Landesamt für Denkmalpflege Marburg.

Später kamen Professor Alexander Eichenlaub und eine Gruppe Studenten der Universität Kassel dazu (Fachbereich: Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung), die die Bergstadt wissenschaftlich unter die Lupe nahmen und Ergebnisse und Perspektiven für die Zukunft zusammenfassten.

Nach drei Bürgerversammlungen und ein knappes Jahr später übergab die Gruppe aus Kassel den Staffelstab an etwa 50 engagierte Landauer, die zunächst drei Arbeitsgruppen bildeten. Unterstützt von der Stadt Bad Arolsen und mit weiterer Hilfe von Fachleuten legten sie mittel- und langfristige Ziele fest. Mit am wichtigsten war und ist: Infrastruktur wie die Schule erhalten, die Attraktivität für junge Familien steigern, Wegzug und Leerstand verhindern, Energieeffizienz erhöhen.

Im Sommer 2007 wandelte sich die Struktur des Projekts Landliebe, bildeten sich Projektteams, die jeweils ein konkretes Ziel verfolgten. Kleine wie die Astrid-Lindgren-Lesenacht in der Grundschule und die Pflege des Beetes am Rathaus und natürlich große langfristige Ziele: Aufnahme in ein Förderprogramm zur Stadtsanierung, Erhalt von Schule und Kindergarten, Vermarktung von Wohnraum, Werbung und Tourismus, Energieeffizienz… Jeder beteiligt sich entsprechend seinen Interessen, seinen Fähigkeiten, seinen persönlichen Wünschen – sei es für wenige Tage, für einige Wochen oder für Jahre. Eine Lenkungsgruppe oder einen Vorstand gibt es ebenso wenig wie ein Budget. Ein partizipativer Prozess kam in Gang mit vielen Beteiligten, Partnern und Sponsoren, Netzwerken. Alle öffentlichen Institutionen der Bergstadt, ein Großteil der Vereine und viele externe Partner zogen mit. Zusammen entwickelten und entwickeln sie innovative Antworten auf alte und neue Herausforderungen – um mit Elan und Ideen Hand in Hand der Zukunft entgegenzugehen.

„Wir können dem Wind nicht gebieten, aber wir können unsere Segel neu setzen und den Kurs bestimmen.“

(nach Aristoteles)

Große Ziele sind erreicht

Nach mehr als zehn Jahren vielfältigsten Engagements ist die Kommune Bad Arolsen 2017 in das Förderprogramm “Dorfentwicklung” des Landes Hessen aufgenommen worden. Landau hatte einen wichtigen Anteil an diesem Erfolg und wird von der Förderung in den kommenden Jahren profitieren – sowohl bei kommunalen Investitionen, als auch bei privaten. 
Gerade hat sich der “Bürgerverein Landau” gegründet, der eng mit dem Thema Windkraft verknüpft ist und neue Perspektiven eröffnet.

Schloss Landau ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Großes Engagement und immense Investitionen auf dem gesamten Schloss-Areal beleben und bereichern den Ort sehr positiv. Auch mit Blick auf Leerstand hat sich Landau gut entwickelt: Kaum ein Haus steht zum Verkauf – auch nicht in der denkmalgeschützten Altstadt. Und die Infrastruktur wächst. Im Oktober 2019 eröffnete im Torbogen der “Hoffriseur”. Auch das zeigt: Landau ist auf einem guten Weg. 

“Hier zu leben ist ein Geschenk…”

Das Projekt Landliebe hat Anziehungskraft. Das zeigen verschiedene Beispiele. Schloss Landau hat einen neuen Besitzer, den das vielseitige zukunftsweisende Engagement zum Kauf des historischen Ensembles ermutigt hat. Und in die alte Molkerei, die ehemalige Gaststätte “Haus am Walde”, ist eine Gruppe junger Leute und Familien eingezogen, die Landau unter anderem durch Musik auf hohem Niveau bereichern. Von ihnen stammt der Ausspruch: “Hier zu leben ist ein Geschenk.”

Das Grafenschloss

Schloss, Hotel Brunnenhaus, Zehntscheune, Torbogen und der Sinnesgarten sind noch nicht alles, was zum Großprojekt an historischer Stätte gehört. “Schlossherr” Alexander Fitz betont gern und häufig, dass ihn auch das Alleinstellungsmerkmal des Projekts Landliebe zum Kauf 2014 bewogen habe. Er hat das Areal am Rand der historischen Altstadt zu einem ortsbildprägenden Ensemble aufgewertet, die Infrastruktur erweitert und zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.

Beim Konzert in der Kirche 2018: das "Haus am Walde-Kollektiv"

Die ehemalige Molkerei

Zwei Brüder entschieden sich 2015 für Landau und gründeten die Lebensgemeinschaft in der ehemaligen Molkerei. Zu ihr gehört auch das “Haus-am-Walde-Kollektiv” (HAWK): Professionelle Musiker spielen Piano, Querflöte, Geige und Gitarre, ergänzt durch Akkordeon, Bass und Gesang. Sie bereichern das kulturelle Leben um einzigartig-vielfältige Konzerte mit einer Bandbreite von Klassik bis Klezmer. Mit ihnen hat eine junge, bunte, lebenslustige Schar in Landau Einzug gehalten.

Ausgezeichnet!

Wann immer das Projekt Landliebe in den ersten zehn Jahren außerhalb der Bergstadt vorgestellt wurde, befanden die Zuhörer, dass es etwas Besonderes ist. Vor allem der umfassende Ansatz, der sich nicht auf einen Schwerpunkt beschränkt, ist so gut wie einmalig. Die Teilnahme an verschiedenen Wettbewerben und mehrere Auszeichnungen gehören zur Bilanz der ersten Etappe. Die wichtigsten sind der Deutsche Bürgerpreis und die Erfolge beim Wettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft”. Letztere haben auch dazu beigetragen, dass die Kommune Bad Arolsen ins Förderprogramm “Dorfentwicklung” aufgenommen wurde.

 

Banner Deutscher Bürgerpreis 2013
Preisverleihung
Verleihung des Deutschen Bürgerpreises (2. Platz) 2013 in Berlin.

Dokumentation/Archiv

Intensive Dokumentation und Information gehörten zum Erfolgskonzept der ersten Etappe. Das umfasste ein Informationsblatt, das in unregelmäßigen Abständen haushaltsdeckend alle Einwohner erreichte. Dazu gehörte auch eine Projektbeschreibung, ein Porträt, das etliche Male aktualisiert und in Heftform an alle Partner und Interessenten ausgegeben wurde – auch an Neubürger in Landau.